Volltext: Tribus, 6.1956

Buchbesprechungen 
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Piaroa-Gruppe am Cano Fruta, einem Zu 
fluß des Rio Mataveni, wo Gheerbrant und 
seine Gefährten einem Initiationsfest bei 
wohnen konnten. Die Beschreibung dieses 
Kultfestes, bei dem die Männer sorgsam vor 
den Augen der Frauen gehütete Flöten und 
Trompeten bliesen, Jaguarmaskentänzer in 
federgekrönten Palmblattvermummungen 
auftraten, und das seinen rituellen Höhe 
punkt in dem „Kraftstoff“ spendenden Zau 
berakt der Ameisenmarter fand, ist der eth 
nologisch gehaltvollste Abschnitt des Buches. 
(Einzelne Kultszenen wurden von der Expe 
dition auch gefilmt und eine Anzahl kulti 
scher Gesänge in Tonaufnahmen festgehal 
ten.) Daß Gheerbrant nicht erkannt hat, 
welch günstige Ansätze zu einem gründ 
lichen Studium der Piaroa und ihrer Kultur 
er mit seinen Beobachtungen an Cano Fruta 
gewonnen hatte, ist umso bedauerlicher, als 
dieser interessante Stamm noch niemals ge 
nauer untersucht wurde, was schon Koch- 
Grünberg beklagte. 
Enttäuschend ist für den Ethnologen be 
sonders der Hauptteil des Gheerbrantschen 
Buches, der den Weg der Expedition durch 
die Wälder des Ventuari zur Parimakette, 
also durch das Gebiet der Makiritare und 
Guaharibo (Shiriana-Waika) schildert. Er 
bietet in den zusammenhanglosen Einzel 
beobachtungen, wie sie sich aus den Situatio 
nen des Expeditionsalltags im Umgang mit 
Angehörigen dieser Stämme, auf der Fluß 
fahrt, im Lager oder in den Dörfern, er 
gaben, weder neues Tatsachenmaterial noch 
allzuviele völkerkundliche Angaben über 
haupt. Doch ist der grundsätzliche Unter 
schied in Lebensweise und kulturellem Ge 
samthabitus zwischen den seßhaften Maniok 
bauern der Makiritare und den schweifen 
den Guaharibo, die zwar keine Wildbeuter 
im strengen Sinn, aber auch keine echten 
Pflanzer sind, gut erfaßt. Wie unzulänglich 
aber die Möglichkeiten ethnologischer Feld 
arbeit gerade unter diesen Stämmen genutzt 
wurden, wird deutlich, wenn man zum Ver 
gleich die Forschungsergebnisse heranzieht, 
die die Frobenius-Expedition 1954/55 nach 
Venezuela aus ihrem nur wenig südlicher ge 
legenen Arbeitsgebiet heimgebracht hat (s. 
den vorläufigen Bericht von R. Zerries in 
„Paideuma“, Bd. 7, H. 3, April 1956, S. 181 
ff.). 
Eine deutsche Ausgabe des Buches erschien 
unter dem Titel „Welt ohne Weiße“ im Ver 
lag von F. A. Brockhaus, Wiesbaden (370 S. r 
mit 29 Textabb. und Tafelbildern). Dr. Fritz 
Montfort hat den französischen Text zuver 
lässig und gewandt übertragen und ist der 
fesselnden Darstellung, die das Abenteuer 
dieser Reise in Gheerbrants Erlebnisbericht 
gefunden hat, nichts schuldig geblieben. Un 
verständlich ist, weshalb der Übersetzer 
durchgängig das Wort „hamac“ statt „Hän 
gematte“ gebraucht. Eine Liste aller wich 
tigen Fremdwörter sowie ein Namens- und 
Sachregister vervollständigen die deutsche 
Ausgabe, die der Verlag mit gewohnter 
Sorgfalt ausgestattet hat. 
Jäger 
MAXIMILIAN PRINZ ZU WIED: 
Unveröffentlichte Bilder und Handschrif 
ten zur Völkerkunde Brasiliens. Unter 
Mitarbeit von Josefmc Huppertz, Udo 
Oberem und Karl Viktor Prinz zu Wied 
herausgegeben von ]osef Röder und Her 
mann Primborn. 150 S. Mit 16 Abb. und 
einer Buntbildermappe F. Dümmlers Ver 
lag, Bonn, Hannover, Stuttgart 1954. 
Broschiert DM 12.S0 
Auf dem Amerikanisten-Kongreß in Cam 
bridge konnten Karl Viktor Prinz zu Wied 
und Josef Röder die überraschende Mittei 
lung machen, daß sich im Familienarchiv zu 
Neuwied die Originalhandschriften und 
Zeichnungen zu den großen Werken des 
Prinzen Maximilian zu Wied erhalten hät 
ten. Da die Werke, die der Prinz über seine 
Reisen in das innere Brasiliens (1815—1817) 
und Nordamerikas (1832—34) verfaßt hat, 
zu den Klassikern der Völkerkunde und Na 
turgeschichte gehören, ist es ganz besonders 
zu begrüßen, daß das wiederentdeckte wich 
tige Material in Gemeinschaftsarbeit sogleich 
untersucht worden ist. 
Die erhaltenen Manuskripte liegen in einer 
Art „Tagebuch“ in drei Bänden vor, das auf 
Grund der ersten, in kleinen Heften eingetra 
genen Notizen abgefaßt worden ist, sowie in 
einer zweiten, vierbändigen Fassung des 
Reiseberichtes, die eigenartigerweise erst 
nach der Veröffentlichung des Werkes 
vom Prinzen aus unbekannten Gründen nie 
dergeschrieben worden ist. Wichtiger noch 
als dieses schriftliche Material, das interes 
sante Vergleichsmöglichkeitcn mit dem ge 
druckten Text gestattet, sind die im Fand-
        

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