Besprechungen
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Teil der Arbeiterklasse mit Schlagworten wie „Vaterland“ usw. das Blickfeld vernebeln und dadurch
in das herrschende System integrieren lassen.
Köstlin versucht in seinem Beitrag, Motive und Gründe „für die Festlegung von Kultur auf
einen begrenzten Raum - Region genannt - auszumachen“ (S. 25). Er behandelt die Regionalisie
rung als Prozeß und geht auf die „neue Rolle“ der Kultur ein („Kultur beschreibt Regionen“). Seine
Aufmerksamkeit gilt besonders dem Interesse, das die Volkskunde direkt oder indirekt den Fragen
des Regionalismus entgegengebracht hat, wie diese Erscheinung in die Forschung hineinwirkte, wie
man sie verarbeitete oder auch mißinterpretierte. Das Ganze regt zum Nachdenken, manchmal
zum Widerspruch an. Vielleicht liegt letzteres zum Teil in der starken Verkürzung und der damit
verbundenen Abstraktion begründet, die Köstlins Darstellung eigen ist. Man hätte sich bei einer
Reihe von Feststellungen mehr historische Konkretheit gewünscht. So bleibt die ökonomische und
soziale Basis vieler behandelter Phänomene leider im dunkeln.
Stark psychologisch geprägt ist Korffs Studie, die er im Untertitel als eine „Skizze zum Problem
der kulturellen Kompensation ökonomischer Rückständigkeit“ präzisiert. Er erfaßt damit sicher ein
wesentliches Motiv des Folklorismus in kapitalistischer Umwelt: Mit ihm „soll ,wettgemacht‘ wer
den, was der Landbevölkerung im Verlauf der kapitalistischen Industrieentwicklung genommen
wurde“ (S. 43). Man kann diese Feststellung auf andere soziale Bereiche, so Handwerk und Berg
bau, erweitern. Doch mit der Frage nach der Funktion allein ist das Folklorismusproblem nicht zu
lösen. Mindestens ebenso wichtig ist die Untersuchung des ihn hervorbringenden und stimulieren
den Rezeptionsprozesses, der Triebkräfte dieses Vorgangs und des Wandels, dem er im Zuge der
sich wandelnden historisch-sozialen Bedingungen unterlag. Einen Hinweis in dieser Richtung gibt
Korff bei der Einschätzung von bisherigen Forschungsergebnissen aus der volkskundlich-wirtschafts
geschichtlichen Untersuchung der Magdeburger Börde.
Von kulturanthropologischer Position aus behandelt Ina-Maria Greverus ( Lokale Identität durch
Dorferweiterung?) Wirkungen, die die kapitalistische Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg
in hessischen Dörfern hervorbrachte (Funktionsverluste der ländlichen Siedlung aufgrund von öko
nomischen und strukturpolitischen Veränderungen). Ziel der von ihr geleiteten, in einem größeren
amtlichen Rahmen wirkenden Arbeitsgruppe war es, die Einstellung der Bewohner zum Ortsbild,
zu seiner Erhaltung und Restaurierung zu ergründen. Deutlich werden sollte dabei, in welchem
Maße und wie weit eine Identifizierung mit diesem „Heimatbereich“ stattfindet. Das Ergebnis der
Erhebung ist sehr differenziert, wobei individuelle Momente in der Auswertung möglicherweise
überbewertet wurden. Man erfährt, was Einheimische, Umsiedler und „Stadtflüchter“ zu diesem
Fragenkreis zu sagen haben. Besser wäre es wohl gewesen, die interviewten Gruppen innerhalb der
Dörfer sozial zu differenzieren (so bäuerliche Schichten, Landarbeiter; Stadtpendler: Industriear
beiter, Angestellte). Und schließlich sei angemerkt: Die Indentifizierung mit dem ländlichen Wohn
ort ist, falls sie stattfindet, neben den untersuchten noch von anderen, sehr wesentlichen Faktoren
abhängig. Hier spielen neben psychologischen Momenten doch ganz handfeste wirtschaftliche und
soziale Fakten, bis hin zu Familien- und Nachbarschaftsbeziehungen, eine Rolle.
Weitere Referate des Kongresses behandelten das Generalthema am Beispiel des Festvollzugs
(Sigrid Hierschbiel, Jochen Gesinn, Ursula Stiebler, Frankfurter Feste, von wem - für wen; Helge
Gerndt, Münchner Untersuchungen zum Festwesen; Bernd Jürgen Warneken, Kommunale Kultur
politik - am Beispiel offenes Stadtfest). Als eine Art Verdeutlichung der Probleme, die sich aus
diesen und ähnlichen Veranstaltungen ergeben haben, kann man wohl Erfahrungen bei den mit dem
BRD-Volkskundetag verbundenen, von Fachwissenschaftlem initiierten und zum Teil auch geleite
ten Stadtteilveranstaltungen werten (zusammenfassend dargestellt S. 173 ff.). Auf Fragen der Moti
vation von Festbesuchern verweist Andreas C. Bimmer.
Zwei Beiträge des Bandes fußen auf Schweizer Material. Max Matter befaßt sich am Beispiel
der Zuwanderer aus dem Kanton Wallis nach Zürich mit Ursachen und Formen der Erhaltung
ihrer regionalen Identität. Arnold Niederer legt seine in einer Reihe von Tessiner Gemeinden ge
wonnenen Erkenntnisse hinsichtlich der Bestimmungsgründe regionaler Identifikationsprozesse vor.
Einen recht aufschlußreichen Einblick in die Kommerzialisierung volkskundlichen Sachguts
schließlich vermittelt Arnold Lühnings Aufsatz Museum und Antikshop - Lieferanten für Heimat.
Mit Recht bezweifelt der Verf., daß das Geschäft mit Antiquitäten solcher Provenienz diese Funk
tion erfüllen kann (und will, muß man wohl ergänzen). - Die bei Gelegenheit des Kongresses
lt Volkskunde 1983