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Dokument zur IX. Internat. Fachkonferenz
Ethnomedizin: “Schmerz -— Interdisziplinäre
Perspektiven’, Heidelberg 1988
Nach dem Antrag vom 30.5. 1987 bei der DFG
wurden die Antragsteller gebeten, noch eine aus-
ührlichere wissenschaftliche Begründung des
Vorhabens zu übersenden, aus der möglichst auch
hervorgehen sollte, warum die genannten Themen
und Referenten ausgewählt wurden und wo hier
die Verbindungen zwischen den verschiedenen
Disziplinen liegen. Darauf wurde am 3.8. wie un-
‚en folgt geantwortet. Die DFG sagte am 12.11.87
ab. Ein erfolgreicher Neuantrag im Januar 1988
bei der VW-Stiftung ermöglichte die Durchfüh-
ung der Tagung:
.. und bedanken uns besonders für Ihre freundlichen
telefonischen Erläuterungen zu der erbetenen Stellung
nahme. Zu der von Ihnen gewünschten detailierter,
wissenschaftlichen Begründung unserer geplanten Fach-
'‚agung möchten wir folgendes erläutern: Uns ist der
DFG-Forschungsschwerpunkt zum Thema Schmerz be-
<annt. Nach unseren Informationen konzentriert sich das
Vorhaben hier vor allem auf die Erarbeitung praktischeı
Handlungsanweisungen durch physiologische Grundla-
genforschung. Dieses Anliegen nährt sich aus dem
zroßen Problembewußtsein und Handlungsbedarf deı
1elfenden Berufe. Diese geförderte Forschung baut auf
den regionalen Schmerzkonferenzen auf, die in der Regel!
von den medizinischen Fakultäten ausgehen. Diesen
ganz wesentlichen Aspekt wissenschaftlicher Forschung
möchten wir allerdings nicht verfolgen. Bei unserem eth-
n1omedizinischen Frageansatz sind wir auf das Problem
zestoßen, inwieweit die zunehmende Aufmerksamkeit
:ür das Schmerzthema einem neuen breiten Bedürfnis
entspricht und inwieweit der Charakter der subjektiven
Schmerzwahrnehmung sich verändert hat. Die Zunahme
von Schmerzkonferenzen und die Etablierung von
Schmerzkliniken scheinen uns Indizien für eine solche
Änderung des Schmerzerlebens in unserer Bevölkerung
zu sein. Es ist daher ein primäres Anliegen, das Thema
Schmerz aus dem engeren klinisch-physiologischen
Konzext herauszulösen und in einer erweiterten in-
‚erdisziplinären Perspektive neu zu formulieren. Deı
Versuch, zentrale Erfahrungsbereiche des Lebens in ge
wissen Zeitabständen: aufzugreifen, erscheint uns not
wendig. Den Ansatz unserer Fragestellungen sehen wi:
in einer historischen Linie zu einem konzeptuell ähnli
chen Unterfangen, nämlich dem 1968 durchgeführter.
Symposium “Anthropologie der Ergriffenheit und Beses:
senheit”” (siehe Sammelband gleichen Namens unter der
Herausgeberschaft von J. Zutt, Bern, München: Francke
1972). Bei diesem Symposium fand ein reger Gedan:
<enaustausch zwischen Psychiatern und Ethnologen statt
vor allem der Ethnologe W. E. Mühlmann konnte
DOKUMENTATION
damals mit seinem Beitrag “Ergriffenheit und Besessen-
heit als kulturanthropologisches Problem” sehr vielen
Medizinern eine neue Perspektive des Verstehens eröff-
nen. Zwischenzeitlich ist der Gedanke des Kulturver
gleichs von vielen Fachwissenschaftlern als bedeutsam
arkannt worden. Auch hat die fachübergreifende Fra-
gestellung heute einen festen Platz im wissenschaftlichen
Leben. In diese Tradition sehen wir uns mit unseren In-
ternationalen Fachkonferenzen gestellt. Zu Ihrem Hin-
weis, den Gutachtern unsere Auswahlmodalitäten ein-
sichtig zu machen, geben wir folgenden Sachbericht.
1) Auswertung von Aktivitäten und Publikationen im
Bereiche der “Medical Anthropology”, wozu wir unsere
'nternationalen persönlichen Verbindung und Partner-
schaften (entsprechende Gesellschaften in F, GB, USA)
und die Fachzeitschriftensammlung der Arbeitsgemein-
schaft Ethnomedizin herangezogen haben. Auf diesem
Wege sind wir auf verschiedene Spezialisten hingewie-
;en worden, z.B. über den Weltverband für Psychiateı
uf Prof. Favazza von der Columbia-University of Mis-
zouri. Andere Referenten gehören bekannten internatio-
ı1alen ethnomedizinischen Zeitschriften als Beiräte an. So
zarwarten wir von Prof. Janice Reid, Sidney, einen fun-
dierten Beitrag aus ihrer Forschertätigkeit bei den Abo-
rigines. 2) Ansprechen der 400 Mitglieder der AGEM
zum Thema. Über diesen Weg haben wir u.a. die Re
"erenten H. Schadewald, T. Grynaeus (Budapest), R
Schenda (Zürich), W. Faller (Heidelberg), W. Schiefen-
1övel (MPI Seewiesen) als Referenten gewonnen, die
sich seit langem mit der Materie befassen. 3) Direkte An-
sprache einzelner Gäste, die dem Organisationskomitee
als Spezialisten bekannt waren, so etwa Prof. Benoist,
dem Vorsitzenden der soc. franc. d’ethnomed. (CNRS
Aix), die Ethnologen J. F. Thiel (Frankfurt am Main) und
M. Erdheim (Zürich), die Philosophen R. Wissner
'Mainz) und H. Schmitz (Kiel). 4) Um eine breite infor-
nelle Streuung zu gewährleisten, haben wir bereits im
’etzten Jahr unser Ihnen vorliegendes Expose an alle
volkskundlichen, völkerkundlichen und medizinge-
schichtlichen Institute in der BRD versandt sowie an
weitere kulturwissenschaftliche Institutionen. Aus die-
;em Rücklauf haben sich weitere Hinweise auf Experten
ergeben.
Wir erhoffen uns von dem geplanten interdisziplinären
Fachgespräch eine differenziertere Fragestellung, die
über die physiologische Bestandsaufnahme und das
klinische Interesse hinausweist. Schmerz wird verständ-
lich und erklärbar im Rahmen der kulturellen Bedingtheit
des Schmerzäußerns und -empfindens. Aus diesem me:
thodischen Ansatz lassen sich neue Handlungsanwei-
sungen für die Praxis ableiten. Wir beabsichtigen, die
Tagungsergebnisse zu publizieren und eine größere Le
serschaft zu erreichen.
Ekkehard Schröder
Vorsitzender der AGEM)
Katrin Greifeld
(Org.komm. der 9. Int. FachkonT.)