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Volltext: Curare, 16.1993

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Dokument zur IX. Internat. Fachkonferenz 
Ethnomedizin: “Schmerz -— Interdisziplinäre 
Perspektiven’, Heidelberg 1988 
Nach dem Antrag vom 30.5. 1987 bei der DFG 
wurden die Antragsteller gebeten, noch eine aus- 
ührlichere wissenschaftliche Begründung des 
Vorhabens zu übersenden, aus der möglichst auch 
hervorgehen sollte, warum die genannten Themen 
und Referenten ausgewählt wurden und wo hier 
die Verbindungen zwischen den verschiedenen 
Disziplinen liegen. Darauf wurde am 3.8. wie un- 
‚en folgt geantwortet. Die DFG sagte am 12.11.87 
ab. Ein erfolgreicher Neuantrag im Januar 1988 
bei der VW-Stiftung ermöglichte die Durchfüh- 
ung der Tagung: 
.. und bedanken uns besonders für Ihre freundlichen 
telefonischen Erläuterungen zu der erbetenen Stellung 
nahme. Zu der von Ihnen gewünschten detailierter, 
wissenschaftlichen Begründung unserer geplanten Fach- 
'‚agung möchten wir folgendes erläutern: Uns ist der 
DFG-Forschungsschwerpunkt zum Thema Schmerz be- 
<annt. Nach unseren Informationen konzentriert sich das 
Vorhaben hier vor allem auf die Erarbeitung praktischeı 
Handlungsanweisungen durch physiologische Grundla- 
genforschung. Dieses Anliegen nährt sich aus dem 
zroßen Problembewußtsein und Handlungsbedarf deı 
1elfenden Berufe. Diese geförderte Forschung baut auf 
den regionalen Schmerzkonferenzen auf, die in der Regel! 
von den medizinischen Fakultäten ausgehen. Diesen 
ganz wesentlichen Aspekt wissenschaftlicher Forschung 
möchten wir allerdings nicht verfolgen. Bei unserem eth- 
n1omedizinischen Frageansatz sind wir auf das Problem 
zestoßen, inwieweit die zunehmende Aufmerksamkeit 
:ür das Schmerzthema einem neuen breiten Bedürfnis 
entspricht und inwieweit der Charakter der subjektiven 
Schmerzwahrnehmung sich verändert hat. Die Zunahme 
von Schmerzkonferenzen und die Etablierung von 
Schmerzkliniken scheinen uns Indizien für eine solche 
Änderung des Schmerzerlebens in unserer Bevölkerung 
zu sein. Es ist daher ein primäres Anliegen, das Thema 
Schmerz aus dem engeren klinisch-physiologischen 
Konzext herauszulösen und in einer erweiterten in- 
‚erdisziplinären Perspektive neu zu formulieren. Deı 
Versuch, zentrale Erfahrungsbereiche des Lebens in ge 
wissen Zeitabständen: aufzugreifen, erscheint uns not 
wendig. Den Ansatz unserer Fragestellungen sehen wi: 
in einer historischen Linie zu einem konzeptuell ähnli 
chen Unterfangen, nämlich dem 1968 durchgeführter. 
Symposium “Anthropologie der Ergriffenheit und Beses: 
senheit”” (siehe Sammelband gleichen Namens unter der 
Herausgeberschaft von J. Zutt, Bern, München: Francke 
1972). Bei diesem Symposium fand ein reger Gedan: 
<enaustausch zwischen Psychiatern und Ethnologen statt 
vor allem der Ethnologe W. E. Mühlmann konnte 
DOKUMENTATION 
damals mit seinem Beitrag “Ergriffenheit und Besessen- 
heit als kulturanthropologisches Problem” sehr vielen 
Medizinern eine neue Perspektive des Verstehens eröff- 
nen. Zwischenzeitlich ist der Gedanke des Kulturver 
gleichs von vielen Fachwissenschaftlern als bedeutsam 
arkannt worden. Auch hat die fachübergreifende Fra- 
gestellung heute einen festen Platz im wissenschaftlichen 
Leben. In diese Tradition sehen wir uns mit unseren In- 
ternationalen Fachkonferenzen gestellt. Zu Ihrem Hin- 
weis, den Gutachtern unsere Auswahlmodalitäten ein- 
sichtig zu machen, geben wir folgenden Sachbericht. 
1) Auswertung von Aktivitäten und Publikationen im 
Bereiche der “Medical Anthropology”, wozu wir unsere 
'nternationalen persönlichen Verbindung und Partner- 
schaften (entsprechende Gesellschaften in F, GB, USA) 
und die Fachzeitschriftensammlung der Arbeitsgemein- 
schaft Ethnomedizin herangezogen haben. Auf diesem 
Wege sind wir auf verschiedene Spezialisten hingewie- 
;en worden, z.B. über den Weltverband für Psychiateı 
uf Prof. Favazza von der Columbia-University of Mis- 
zouri. Andere Referenten gehören bekannten internatio- 
ı1alen ethnomedizinischen Zeitschriften als Beiräte an. So 
zarwarten wir von Prof. Janice Reid, Sidney, einen fun- 
dierten Beitrag aus ihrer Forschertätigkeit bei den Abo- 
rigines. 2) Ansprechen der 400 Mitglieder der AGEM 
zum Thema. Über diesen Weg haben wir u.a. die Re 
"erenten H. Schadewald, T. Grynaeus (Budapest), R 
Schenda (Zürich), W. Faller (Heidelberg), W. Schiefen- 
1övel (MPI Seewiesen) als Referenten gewonnen, die 
sich seit langem mit der Materie befassen. 3) Direkte An- 
sprache einzelner Gäste, die dem Organisationskomitee 
als Spezialisten bekannt waren, so etwa Prof. Benoist, 
dem Vorsitzenden der soc. franc. d’ethnomed. (CNRS 
Aix), die Ethnologen J. F. Thiel (Frankfurt am Main) und 
M. Erdheim (Zürich), die Philosophen R. Wissner 
'Mainz) und H. Schmitz (Kiel). 4) Um eine breite infor- 
nelle Streuung zu gewährleisten, haben wir bereits im 
’etzten Jahr unser Ihnen vorliegendes Expose an alle 
volkskundlichen, völkerkundlichen und medizinge- 
schichtlichen Institute in der BRD versandt sowie an 
weitere kulturwissenschaftliche Institutionen. Aus die- 
;em Rücklauf haben sich weitere Hinweise auf Experten 
ergeben. 
Wir erhoffen uns von dem geplanten interdisziplinären 
Fachgespräch eine differenziertere Fragestellung, die 
über die physiologische Bestandsaufnahme und das 
klinische Interesse hinausweist. Schmerz wird verständ- 
lich und erklärbar im Rahmen der kulturellen Bedingtheit 
des Schmerzäußerns und -empfindens. Aus diesem me: 
thodischen Ansatz lassen sich neue Handlungsanwei- 
sungen für die Praxis ableiten. Wir beabsichtigen, die 
Tagungsergebnisse zu publizieren und eine größere Le 
serschaft zu erreichen. 
Ekkehard Schröder 
Vorsitzender der AGEM) 
Katrin Greifeld 
(Org.komm. der 9. Int. FachkonT.)
	        
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