Volltext: Tribus, 10.1961,N.F.

Buchbesprechungen 
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Gegenstände der Zweckforschung waren, nun 
aber drängend vordergründige Anliegen der 
praktischen Ethnosoziologie sind. (Ich halte 
die wie folgt formulierte Feststellung des 
Verlages für denkbar unglücklich: „Balan- 
diers Buch gehört zu den bahnbrechenden 
Werken der modernen Kolonial-Soziologie!“) 
Von aktuellem, die völkerkundlichen Fach 
belangeüberschreitendem Interesse dürfte u. a. 
die Untersuchung über die „Gegensätzlichen 
Bewegungen“ oder die politisch-religiösen Zu 
stände im Kongoraum sein. 
Dennoch sind alle Reflexionen auf den 
Völkerkundler bezogen, von dem B. unmiß 
verständlich sagt, daß er die Aufgabe habe, 
seine Gedanken ohne Zurückhaltung auszu 
sprechen. „Es ist weder sein Beruf, Schmeich 
ler noch bezahlter Rezensent zu sein.“ Balan- 
dier hat für seinen Teil in diesem Buch und 
durch sein Wirken als Publizist und akade 
mischer Fehrer diesen für alle geltenden Auf 
trag in vorbildlicher Weise erfüllt, und wenn 
seiner Arbeit nichts weiter als Nachahmung 
in dieser Zielstrebigkeit beschieden wäre, 
hätte sie zweifellos Bestand. Sie gibt jedoch 
mehr — aber das erschließt sich dem enga 
gierten wie distanzierten Feser nur auf dem 
Wege des Nacherlebens des zwielichtigen, 
keineswegs hellen Afrika. 
W. Konrad 
ELSY LEUZINGER: 
Afrika, Kunst der Negervölker. Baden- 
Baden: Holle-Verlag 1959. 235 S., 64 far 
bige Abb., 144 Zeichnungen, 4 Karten 
(Kunst der Welt, die außereuropäischen 
Kulturen). Preis: DM 29.80. 
Jeder Versuch, einen Überblick der Kunst 
Afrikas zu geben, führt dem Feser vor 
Augen, wie schwierig solche Aufgabe ist. Die 
Fiteratur wird von Jahr zu Jahr umfangrei 
cher, und bei der Beschäftigung mit der 
Kunst muß der Verfasser auch über solide 
Kenntnisse der Ethnographie schlechthin ver 
fügen. Die Verfasserin demonstriert mit 
ihrem Buch, wie notwendig das ist. Im ersten 
Viertel des Buches schafft sie allgemeine 
Grundlagen zum Verständnis des Haupttei 
les, in dem die Stilregionen abgehandclt wer 
den. In knapper und klarer Form werden 
zunächst Fand und Feute, Religion und So 
ziologie beschrieben. Anschließend zeigt die 
Verfasserin die In Kunst und Kunsthand 
werk verwendeten Materialien auf und cr- 
läutert endlich noch Form und Stil. Die 
gründliche Einführung ist im Hinblick auf 
den Feserkreis erforderlich und ist gut ge 
lungen. 
Der Hauptteil ist in acht Kapitel unter 
teilt, die sich mit den Stilregionen befassen: 
Einleitung zu Westsudan und Westafrika; 
Westsudan; Westatlantische Küstenländer; 
Ostatlantische Küstenländer; Kamerun und 
Französisch-Äquatorialafrika; Belgisch-Kon- 
go; Ostafrika; Südostafrika und Madagaskar. 
Das Material ist klar und übersichtlich dar 
geboten. Unter der Überschrift Ostafrika 
wird das Gebiet zwischen dem Südostsudan 
und Südwestäthiopien und dem Rovuma- 
Gebiet zusammengefaßt. Bei der reichlich 
knappen Behandlung, die dieses Gebiet fin 
det, mag das aus praktischen Erwägungen 
geschehen sein. Dann hätten aber Südost 
afrika und Madagaskar angeschlossen wer 
den können, die Inhalt eines noch kürzeren 
Kapitels sind. Ob Madagaskar überhaupt in 
den Zusammenhang afrikanischer Kunst ge 
hört, sei dahingestellt. Da es jedoch einmal 
hinzugezogen worden ist, hätte es eine aus 
führlichere Würdigung verdient. In dem sehr 
kurzen Abschnitt über Togo vermißt man 
die Erwähnung der Plastik Nordtogos (z. B. 
Moba). Allgemein sind Fehmplastik und Ma 
lerei (Hausschmuck!) unzureichend darge 
stellt worden. Die etwas unbefriedigende 
Ausführung einzelner Abschnitte mag zum 
Teil wohl auf Platzgründe zurückzuführen 
sein. Im Text sind kleine Unebenheiten zu 
beanstanden, die die Verfasserin übersehen 
hat. 
Das Wort „Poro-Geheimbund“ (S. 74) ist 
eine Tautologie. „Poro“ ist in der Fiteratur 
in der Bedeutung „Geheimbund“ eingeführt. 
Der Gebrauch von „Poro“ in Verbindung mit 
den Senufo ist zwar der Fiteratur entnom 
men (vgl. B. Holas, Fes Senoufo, Paris 1957, 
S. 129), das Wort ist jedoch in erster FInie 
für die Geheimbündc Fiberias und Sierra 
Leones anzuwenden. 
„Die Baga-Gruppc . . . gehört rassisch und 
kulturell noch zu der West-Mandingo-Grup- 
pe...“ (S. 80). Infolge des Kontaktes mit 
Mandingo ist bei den Baga und ihren Ver 
wandten zweifellos ein Mandingo-Einfluß 
festzustellen. Trotzdem erscheint mir eine so 
enge Verbindung, wie sie hier ausgedrückt 
ist, nicht gerechtfertigt. Die in Guinea, Portu- 
giesisch-Guinea usw. lebenden Mandingo sind 
übrigens auch nicht ohne Einfluß ihrer Nach
	        
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