Volltext: Tribus, 10.1961,N.F.

Buchbesprechungen 
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vom Stil her keine Beziehungen erkennbar 
seien, so muß dem widersprochen werden, da 
gerade die Malereien aus dem lybischen Be 
reich (Gilf und Auenat), aber teilweise auch 
aus den Bergländern weiter südlich und west 
lich, bis zur Identität den ostspanischen 
ähneln. 
Lhote, der anschließend Nordafrika be 
handelt, bestreitet allerdings diese Beziehung 
und hält ihre Mutmaßung für unwissenschaft 
lich. Befangen in seinen Entdeckungen unge 
wöhnlich reicher Fundplätze in den Tassili- 
Bergen, die uns eine Fülle und Vielfalt neuen 
Materials geschenkt haben, sieht er diese 
Malereien als einen so schwergewichtigen 
Mittelpunkt, daß ihm demgegenüber alles 
andere verblaßt und unwichtig wird. In sei 
nem Buch „Die Felsbilder der Sahara“, Würz- 
burg-Wien 1958, das einen extrem farbigen 
Bericht und ersten Versuch der Materialein 
ordnung bringt, schreibt er, daß die Zusam 
menfassung der Unterlagen noch Jahre dauern 
wird. Ist es da nicht verfrüht, diese noch ganz 
im Fluß befindliche Forschung zum Ausgangs 
punkt einer allgemeinen Betrachtung zu ma 
chen? Kann man die Felsbilder an der tu- 
nesisch-lybischen Grenze enden lassen, ohne 
so reiche und wichtige Vorkommen wie die 
aus Fezzan, aus dem Gilf, dem Auenat oder 
der nubischen Wüste nur heranzuziehen? 
Schon 1939 hat H. Winkler die nil-nahen 
Felsbildfunde zu einem auch heute im ganzen 
noch brauchbaren Datierungsversuch benutzt, 
weil er sie zur prädynastischen Kultur Ägyp 
tens in Beziehung setzen konnte. Da die Vor 
zeit die heutigen, am Fineal gezogenen Gren 
zen der Wüste nicht kannte, sollte die mo 
derne Wissenschaft — frei von nationalen 
und sonstigen Befangenheiten — sie gleichfalls 
verleugnen. 
Vielleicht am aufregendsten, aber auch am 
anfechtbarsten ist der Beitrag von Holm über 
die Felskunst im südlichen Afrika. Holm ist 
Archäologe und gebürtiger Südafrikaner. Er 
hat seine Jugend und einen großen Teil seines 
Febens in Südafrika verbracht und häufig 
unter Buschmännern gelebt, deren Vorstel 
lungswelten ihm vertraut sind. Kaum jemand 
könnte daher geeigneter sein, dieses Thema 
erfolgreich anzupacken als er, zumal Ihm 
zahllose Felsbilder durch eigene Forschung 
bekannt sind. Der Versuch, sie aus der Mytho 
logie der Ureinwohner des Gebietes zu er 
klären und zu deuten, mußte einem so geist 
vollen Manne verführerisch erscheinen, und es 
ist zugegeben, daß ein solches Beginnen viele 
Möglichkeiten öffnet. Zugleich öffnet sich aber 
auch der Weg einer uferlosen Spekulation. Es 
sei Holm zugestanden, daß er gründlicher und 
tiefer als viele in die Buschmann-Mythologie 
eingedrungen ist, und daß ihm deshalb deren 
Vorstellungsverbindungen geläufiger sind als 
anderen. Es ist ihm selbstverständlich, daß die 
Mantis (die Gottesanbeterin = Verkörperung 
der Sonne) als Giraffe dargestellt wird, weil 
diese beim Trinken die Vorderbeine knickt 
und damit der Mantis ähnlich sieht. Eine 
wundervolle Elengravierung mit völliger Flä 
chenpunzung und in großartigstem naturali 
stischem Stil deutet er wie folgt: „Auf jeden 
Fall wird die besondere Fiebe, mit der das 
Fell in unserer Gravierung behandelt wurde, 
in der propädeutischen Überlieferung vielfach 
und deutlich motiviert. Die Fegende von der 
Erschaffung der Elen — durch die Sonne- 
Mantis aus einem ins Wasser gelegten Schuh — 
betont, wie die Mantis das Fell des wachsen 
den Fieblings mit Honigseim salbt, damit es 
schön glänzen möge. Was also der Künstler 
durch seine besondere Ausführung betonen 
wollte, war vor allem das Gleichnis des zur 
Fülle gedeihenden silberleuchtenden Mondes, 
und diese Vorstellung läßt sich durch kein 
anderes Bild so schön vermitteln wie durch 
das des still äsenden, herrlichen Tieres in dem 
honigsamtenen Kleide.“ 
Es ist ihm auch natürlich, daß auf kanta- 
brischen Bildern die Mantis durch den Bison 
ersetzt wird, und er nimmt weltweite und 
zeittiefe Beziehungen zwischen Südafrika und 
Europa als selbstverständlich gegeben, wobei 
Ihm wohl Südafrika als das ältere erscheint, 
wenn es auch manchmal den Eindruck macht, 
als ob das Zeitproblem für ihn nicht existiere. 
Wie bedauerlich, daß der Archäologe Holm 
nicht stärker sich zum Wort meldet! Schade 
auch, daß hinter dieser von der Mythologie 
ausgehenden Betrachtung jeder andere Ver 
such einer Ordnung, sei er nun stilistischer, 
geographischer oder chronologischer Natur, 
verschwindet. Betrüblich endlich, daß eine so 
faßbare und eindrucksvolle Erscheinung wie 
der Sakralstil Südrhodesiens nicht zur Dar 
stellung gekommen ist. Sicher wird die Deu 
tung südafrikanischer Felsbilder aus der 
Buschmann-Mythologie viele Aufschlüsse brin 
gen, möglicherweise auch für die Felsbilder 
anderen Ortes. Es ist eine legitime Methode, 
die Geistigkeit noch lebender Altvölker für 
die Erklärung von Phänomenen der Vorzeit
        

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