Volltext: Baessler-Archiv, 10/13.1926/29

PSYCHOLOGISCHE GRUNDLAGEN DER 
BESTATTUNGSBRÄUCHE BEI DEN 
VÖLKERN SUMATRAS 
MIT i KARTE 
VON 
DR. PHIL. H. HEDENUS 
A. EINLEITUNG. 
Indonesien, die große Durchgangspforte für zahlreiche Völkerströmungen nach dem 
Pazifik, und selbst ein Gebiet, indem jahrhundertelang die Einflüsse der wichtigsten Kulturen 
Asiens die arabische, indische und chinesische — aufeinanderstießen, sich befruchteten 
und z. T. auch wieder verdrängten, dürfte wie nur wenige andere Gebiete der Erde für das 
Studium völkerpsychologischer und ethnologisch-kultureller Züge geeignet sein. 
Dank der umfassenden wissenschaftlichen Arbeiten holländischer und auch anderer 
europäischer Gelehrter ist reichlich Material für die wichtigsten Teile Sumatras vorhanden. 
Allerdings ist es sehr verstreut in den Werken verschiedenster Forschungsgebiete und in den 
Ergebnissen z. T. recht abhängig von jeweilig geistesgeschichtlichen Strömungen und per 
sönlichen Einstellungen der Autoren. Es empfiehlt sich daher, bei unseren Betrachtungen 
von einem oder zwei dieser Völkerstämme auszugehen, für die ziemlich einwandfreies 
Quellenmaterial vorliegt, und von da aus Parallelen zu ziehen für die übrigen Gebiete 
Sumatras. Die andernfalls notwendige Textkritik und die Rekonstruktion von manchem 
nur sehr bruchstückartig überlieferten Material liegt nicht im Rahmen dieser Schrift, die 
in erster Linie völkerpsychologischen Erwägungen gewidmet sein soll. Ich wählte die Bataker 
und Niasser aus, die auf Grund ihrer Verwandtschaft in mancherlei Hinsicht sich ergänzendes 
Material liefern, wenn aufgezeichnete Quellen überhaupt fehlen oder nicht ganz zuverlässig 
sind. So ergibt sich ein ziemlich einheitliches und vollständiges Bild der Bestattungsgebräuche 
in ihrer Gesamtheit, das zugleich einen Gewinn für das Verständnis der Riten und Kulte der 
übrigen Gebiete bringt. Denn nach den Quellen gibt es für die übrigen Teile Sumatras keine 
wichtigen Züge, die nicht bei dem einen oder dem anderen der beiden zu schildernden 
Völkerstämme vertreten wären. 
Da es Aufzeichnungen dieser Völker über sich selber kaum gibt, und materielle Kultur 
denkmäler, die die Jahrhunderte überdauerten, in tropischem Klima nur sehr vereinzelt 
sind, so bleibt neben den Ausgrabungen das Studium der alten Mythen, Riten und Kulte für 
uns die einzige Quelle zur Erschließung urtümlichen geistigen und wirtschaftlichen Lebens. 
Auch Frobemus sagt daher einmal: ,,Die Sitten und Gebräuche sind bei jenen (den Primi 
tiven) gewissermaßen Ausdrucksformen dessen, was bei uns die Sprache, das Denken, das 
Bewußtsein wiedergeben.“ Um nun jedoch diese „Sprache richtig zu deuten, dürfen wir 
sie weder symbolisch, noch allegorisch auffassen, sondern müssen sie vielmehr, um mit 
Cassirer (p. 51) zu sprechen, tautegorisch aus sich selbst heraus erklären. 
Unter den Riten nun, die für solche Ausdeutung in Frage kommen, sind die, die das 
unvermeidliche Erlebnis des Todes in Formen zu fassen suchen, die wichtigsten und fast 
immer die archaischsten. Die Furcht vor dem Tode, der mit Geburt und Pubertät im Mittel- 
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