Volltext: Baessler-Archiv, 10/13.1926/29

BESPRECHUNGEN UNI) BÜCHEREINGÄNGE 
wähl, und dies Schema gemäß dem biogenetischen Grund 
gesetz auf die Entwicklung der Menschheit als Ganzes 
angewandt. „Wir setzen. . . . die analogisierende Frucht 
barmachung der Parallelisierungen Freuds. . . . ins Werk, 
indem wir die Entstehungsstadien der verschie 
denen Künste gemäß der Entfaltung der 
Sexualziele innerhalb der Entwicklung des 
jungen Menschen ansetzen.“ „Ordnen wir nun die 
»Körper-Kunst« und die eigentliche Kunst in dieses 
Schema ein, so ergibt sich ein zeitlicher Vorrang der 
Körperkunst. Denn sie ist es, die der Beschreibung des 
Narzißmus entspricht“! (S. 153.) „Da .... die Haut im 
frühesten autoerotischen Stadium eine Rolle als erogene 
Zone spielt, so würde die Malerei also die verhält 
nismäßig früheste Stufe der Künste bedeuten.— 
Die Architektur zeigte sich im Mutterleibsgedanken ge 
gründet. Dieser erotische Gedanke ist aber nur innerhalb 
der Sphäre der Objektwahl denkbar. Also gehört 
die Baukunst zur verhältnismäßig spätesten 
Stufe(!) — Zwischen beiden Künsten steht die Plastik. 
Verbunden mit dem Phallus, hat sie innerste Beziehungen 
zum Autoerotismus und ebenso zur Objektwahl. So 
müssen wir wohl die Plastik dem Narzißmus 
zu weisen“ (S. 155.) Beider Aufstellung dieser phantasti 
schen „Arbeitshypothese“ scheinen jedoch selbst S. Be 
denken gekommen zu sein: „Allerdings darf zum Schluß 
eine prinzipielle Einschränkung nicht fehlen. Es gründet 
die vermutete Reihenfolge der Künste auf Daten, die wir 
lediglich der Entwicklung der Sensualität verdanken. Ob 
und inwieweit der Zwang äußerer Umstände und der 
eigene Erfindungstrieb das technische Konstruktions 
vermögen, das den Baumeistern innewohnt, vielleicht (im 
Sinne unseres Schemas gesprochen:) vorzeitig angeregt 
hat (S. glaubt übrigens,, ,daß solche Verführung nicht ein 
getreten ist“), steht jenseits dieser Überlegungen 
und ihrer Tragweite“. (S. 155-) 
Dieser letzte Passus zeigt das grundsätzlich halsche 
in der Position Sydows. Denn solange die theoretischen 
Prinzipien der Psychoanalyse in den Kulturwissenschaften 
nicht allgemein, wenigstens als fruchtbare Arbeits 
hypothese, anerkannt sind (und S. weiß, wie wenig davon 
bis heute die Rede sein kann), geht es nicht an, so wie S. 
sich damit zu begnügen, ein in einem anderen Wissens 
gebiet erarbeitetes Schema einfach „anzuwenden“ und 
die Frage nach der Berechtigung dieser Anwen 
dung überhaupt nicht zu stellen bzw. sie als außerhalb der 
eigenen Aufgabe liegend zu erklären. Ranks „Psychoana 
lytische Beiträge zur Mythenforschung“ und manche der 
Arbeiten Roheims haben die Ethnologen ja eben da 
durch zu ernsthafter Stellungnahme gezwungen, daß 
sie zu zeigen versuchten, daß nicht nur die bisherigen 
Theorien völlig unbefriedigend sind, sondern daß die 
Eigenheiten des Materials selber psychoanalytische For 
schungsmethoden geradezu herausfordern. Weicht man 
dagegen wie S. allen prinzipiellen Fragen aus (z. B. der 
Frage nach dem Verhältnis der von der Psychoanalyse 
als allgemeinmenschlich hingestellten Triebkräfte zu 
den besonders von der sogenannten Kulturkreislehre be 
haupteten völlig verschiedenem Gehalt der einzelnen 
„Kulturkreise“), so darf S. nicht erwarten, daß man mit 
solch einer oberflächlichen Arbeit prinzipiell diskutiert, 
— man wird sich damit begnügen, die innere Haltlosig 
keit so selbstgenügsamer „Anwendungen“ aufzuzeigen, 
wie das hier an Hand ausführlicher Zitate versucht worden 
ist. Darüber hinaus wäre es wichtig zu zeigen (wozu hier 
nicht der Ort ist), daß Sydows Konstruktionen auch 
vom Standpunkt der Psychoanalyse aus gesehen alles 
andere als einwandfrei sind. 
Wer, wie der Referent, von der grundsätzlichen Rich 
tigkeit der psychoanalytischen Methode und von der 
Möglichkeit ihrer Fruchtbarmachung für die Kultur 
wissenschaften und besonders auch die Ethnologie über 
zeugt ist, wird es doppelt bedauern, daß ein so wichtiges 
Problem von S. so salopp behandelt worden ist. Er hat 
damit weder der Psychoanalyse noch der Ethnologie 
einen Dienst erwiesen. 
P. Kirchhoff. 
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