Volltext: Baessler-Archiv, 10/13.1926/29

Besprechungen und Büchereingänge. 
Das Gesicht des Rif. Von Hans Felix Wolff. 240 S. 16 Ta 
feln. Berlin. Reimar Hobbing. 
Der Verfasser war 1925 in Spanisch-Marokko und genoß 
die Gastfreundschaft des spanischen Heeres. Seine Ab 
sicht war, von höherer Warte aus die Triebfedern der 
aufständischen Bewegung im Rif zu verstehen. Er ging 
dem „Woher“ des Aufstandes nach, um das sich der Rifi 
selbst nicht kümmert und dessen Nationalstolz keines 
wegs einheitlich ist. Überdies bemüht sich Wolff, in das 
geschichtliche Dunkel des Mittelmeeres einige Lichter zu 
setzen. Dabei sind seine Wege nicht immer ganz einwand 
frei. Er arbeitet etwas zu viel mit unbeweisbaren Etymo 
logien. Er liebt zweifellos, aus alten Orts- und Flurnamen 
alte ethnische Geschichte zu enträtseln, ein Verfahren, 
das man nur bei bester Kenntnis der alten und neuen 
Sprachen betreiben sollte. Der Fernerstehende kommt aber 
sicher bei ihm zu der Auffassung, daß „ligurische“, 
„iberische“, „libysche“ Sprachen gut fundierte und klar 
erkannte Größen sind. 
Der Verfasser bemüht sich, Marokko und Spanien als 
geographische und ethnische Einheit darzustellen. Er 
weist auf „ligurische“ Spuren in Nordafrika hin. Er hält 
das Baskische mit anderen als modernen Ersatz für das 
Ligurische, ähnlich wie er aus dem heutigen Berberischen 
auf das alte Libysche schließt. Für den Ethnologen kann 
das Kapitel „Das goldene Zeitalter“ als das interessan 
teste angesehen werden. Es regt an, wenn auch oft zum 
Widerspruch. Wirklich lebendig ist die Schilderung der 
modernen Städte Ceuta, Tetuan, Arzila und Larache, 
sowie das aktuelle Kapitel: Alhucemas. Hier haben wir 
vorbildliche Kriegsberichterstattung, die nicht nur Lo 
kalbericht ist. 
Herrn. Baumann. 
Günter Tessmann, Menschen ohne Gott, ein Besuch bei 
den Indianern des Ucayali. Veröffentlichung der Har- 
vey-Bassler-Stiftung, Völkerkunde, Bd. I. Stuttgart 
1928. 244 S. 64 Taf. (darunter 5 bunte), 5 Abb. im 
Text und 1 Karte. 
Durch seine westafrikanischen Studien, denen wir u. a. 
Monographien über die Pangwe und Bubi verdanken, 
ist der Verfasser in der ungewöhnlichen Lage, auf Grund 
eingehender Untersuchungen an Ort und Stelle Ver 
gleiche zwischen zwei so verschiedenen Rassen, wie es die 
Neger und Indianer sind, anstellen zu können. Dadurch 
muß sein Buch auch weiteren Kreisen sehr interessant 
werden. Von einem Forscher, der sich so selbstlos den 
völkerkundlichen Forschungen hingibt wie Tessmann, und 
der auch in diesem Buche seinen Aufenthalt von 10 Mo 
naten am Ucayali außerordentlich gut für die Kenntnis 
der Indianer ausgenutzt hat, müßte man eine irgendwie 
geartete innere Fühlungnahme mit seinen Studienobjekten 
erwarten, wie es schließlich alle Feldforscher der neueren 
Zeit erfahren haben. Das ist aber keineswegs der Fall. 
Ehrlich und offen sagt er (S. 181): „Ich stehe nicht an zu 
behaupten, daß unsere nette Kapuzineräffin ,Dominga‘ 
wißbegieriger und geistig regsamer war als im Durch 
schnitt der ischama“, d. h. das Volk der Ssetebo, 
Ssipibo und Kunibo, das er am Ucayali studiert hat. „Ich 
schäme mich fast, die 1 atsache aufzeichnen zu müssen, 
daß es Menschen, ganze Stämme gibt (eben seine 
I schama), die sich nur wenig über den geistigen Dunst 
kreis des Tieres erhoben haben, die nicht mehr, nein 
weniger — sogar von der ursprünglichsten Religion 
haben, als etwa ein guter Hund.“ (S. 183.) Selbst ihre 
schönen Muster auf Stoffen, auf der Haut, auf den Töpfen, 
bei deren Anschauen unser künstlerisches Gefühl, wie 
er selbst sagt, in lebhafte Schwingungen gerät, bezeichnet 
er als empfindungsloses Nachäffen (S. 178f.) und ihren 
Stolz darauf als Einbildung, und so wird man in dem 
ganzen Buch trotz vieler an sich keineswegs abstoßender 
Züge nicht ein einziges Lob über die Tschama entdecken, 
während im Gegensatz zu ihnen „der phantasiebegabte 
Neger mit seiner reichen Ideenwelt“ gepriesen wird. Am 
Tschama gibt es nach Tessmann nur materielle Ge 
sichtspunkte und konventionelle Gefühlsausdrücke. 
Wahr ist es, daß die südamerikanischen Indianer 
dem Forscher große Schwierigkeiten bereiten, indem 
sie den Fremden nicht gern sehen, seine Fragen wider 
willig und einsilbig beantworten, sich manchmal auch 
nicht photographieren lassen und bei der Aufnahme 
von Sätzen nicht das übersetzen, was man sie fragt, 
sondern eine sachliche Antwort darauf erteilen. Der Ge 
reiztheit darüber gibt der Verfasser durch das ganze 
Buch hindurch lebhaften Ausdruck und liefert dadurch 
zugleich mit eine Begründung seines absprechenden 
Urteils. Diese Charakterzüge habe ich selbst sogar bei 
Indianern „mit Gott“ gefunden, obwohl mit der Be 
zeichnung „Menschen ohne Gott“ der Verfasser den Tief 
stand der Indianer kennzeichnen will — aber sobald ich 
sie dazu gebracht hatte, mir ihre Überlieferungen in 
ihrer Sprache zu diktieren, merkte ich, daß ihre geistige 
Welt mir bisher nur verborgen geblieben war. Tessmann 
wird daher vielleicht auch etwas milder urteilen, wenn er 
von vornherein die Zurückhaltung des Indianers gegen 
über den Weißen als eine höhere, wenn auch unbequemere 
Eigenschaft bewertet als die sich unterordnende Zutrau 
lichkeit des Negers. Daß sie auf Tessmann’s offene und 
versteckte Fragen nach einem Gott (dios) (S. 183) nichts 
antworteten, ist mir nach meinen Erfahrungen durchaus 
nicht wunderbar. Ich selbst würde in dieser Weise auch 
nie mit Indianern verkehrt haben. Indessen will ich damit 
nicht sagen, daß der Verfasser mit seiner Angabe, sie 
hätten keinen Glauben an einen Gott oder an mehrere 
Götter, noch an ein Fortleben der Seele, nicht Recht 
habe, obwohl sie die Leiche schön schmücken und sorg 
fältig in der Hütte selbst beisetzen, während sie alle Habe 
verbrennen. Ein Zeichen für seine Fähigkeit, auch die 
geistige Verfassung des Indianers für die Völkerkunde zu 
sichern, ist die genaue Darstellung des Zauberglaubens. 
Es handelt sich dabei aber nicht um zauberische Dinge in 
der Natur, die auf das Ergehen der Menschen Bezug haben, 
12 Baessler-Archiv.
	        
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