Ausstellungen
IA.
Neu eröffnete Völkerkundemuseen: Gewohntes, neue Ausrichtungen und Irrungen
Kommentar zu ethnologischen Ausstellungen vor dem Hintergrund internationaler Diskus-
sionen und Praxen. Zu den Ausstellungen „EigenSinn“ (7. 09. 2011-31. 12. 2012) im Mu-
seum der Kulturen Basel und „Objekt Atlas“ (25. 01.— 16. 09. 2012) im Museum der Welt-
kulturen Frankfurt a. M.
Brigitta Hauser-Schäublin
Institut für Ethnologie der Universität Göttingen, Theaterplatz 15, D-37073 Göttingen
Im Windschatten der Turbulenzen um das geplante Humboldt-Forum und seiner Konzeption
(vgl. beispielsweise Kohl 2009, 2011; Parzinger 2011; Schlothauer 2011)! — ein historisch,
staats- und kulturpolitisch äußerst ambitioniertes und verwickeltes Projekt — haben im Verlauf
der vergangenen Jahre namhafte Museen im deutschsprachigen Raum nach umfangreichen Re-
novationsarbeiten und neuen Konzeptionen ihre Tore wieder geöffnet. Im Unterschied zum
Humboldt-Forum, das insgesamt kein selbstbestimmtes Werk von Ethnologen sein wird, haben
die Wiedereröffnungen der völkerkundlichen Museen in Bremen — das Überseemuseum in Bre-
men befindet sich bekanntlich in einer noch nicht abgeschlossenen Renovationsphase —, Leipzig,
Köln, Basel und Frankfurt keine größeren Fachdiskussionen hervorgerufen. Erstaunlicherweise,
denn man durfte gespannt darauf sein, wie diese Museen aktuelle Theorien, Diskussionen und
Praxen, die international in und um völkerkundliche Museen geführt werden, in ihren (Dauer)-
Ausstellungen umgesetzt haben.
Die Situation der MuseumsdirektorInnen und ihrer Kustoden hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten keineswegs vereinfacht, nicht zuletzt aufgrund einer Reihe von Herausforderungen,
die sich in dieser Weise vor vierzig, fünfzig oder mehr Jahren noch nicht gestellt hatten. Diese
beginnen mit der heute selbstverständlichen Anerkennung der Tatsache — und der Reflexion da-
rüber! —, dass ein Großteil aller Artefakten aus einem kolonialen Kontext stammt und die Ob-
jekte, die in einem ethnologischen Museum gezeigt werden, nicht dafür hergestellt worden wa-
ren (Vogel 1990); Kohl spricht deshalb von „deplazierte[n] Objekte[n]“ (2009:458). Zudem
bedeutet jede Verwendung solcher Sammlungsgegenstände zwangsläufig eine transkulturelle An-
eignung und Umdeutung. Die damit inszenierten Ausstellungen stellen ferner die Frage, wessen
Kultur ist es eigentlich, die in einem Museum repräsentiert wird: eher die der Ausstellungsma-
cher oder die zum Objekt gemachte rekonstruierte Herkunftskultur? Damit verbunden sind
auch neue Fragen ethischer und theoretischer Art, z. B.: Welche Auswirkungen haben intellek-
tuelle Entkolonialisierung und Selbstreflexion, auch über den autoritären Umgang mit Mu-
seumssammlungen („hegemonic regime of display“ Myers 2006:504), auf Neuinszenierungen
ethnologischer Ausstellungen? Und welche Konsequenzen werden die immer lauter werdenden,
* Kohl hat im Zusammenhang mit dem Humboldt-Forum dafür plädiert, anhand ethnographischer
Objekte „eine Geschichte der Beziehungen Europas zur überseeischen Welt“ darzustellen (2009:460)
statt den „Kontextualismus der Ausstellungspraxis“ fortzuführen, d.h. Objekte in einem rekonstruier-
zen und idealisierten Lebenszusammenhang auszustellen. Anzumerken ist jedoch, dass auch die Dar-
stellung einer Geschichte der Beziehungen Europas zur „überseeischen Welt“ die Produktion und Re-
konstruktion eines Kontextes bedeutet, der nicht weniger rekonstruiert und stilisiert ist. Die beiden
einander gegenüber gestellten Modi unterscheiden sich jedoch durch Perspektive, Ziel und die damit
verbundenen Werte.